Im heutigen Artikel erzählen wir die ungewöhnliche Geschichte von Nikola, einem Mann, der einen Job annahm, der ihm zunächst wie eine einfache Möglichkeit erschien, Geld zu verdienen. Seine Aufgabe bestand darin, eine ältere Frau in einem Pflegeheim mehrmals pro Woche zu besuchen und sich als ihren seit Langem vermissten Sohn auszugeben. Dafür boten ihm ihre Verwandten 500 Euro im Monat.
Als Davor und Sanja ihm diesen Deal vorschlugen, befand sich Nikola in einer Lebensphase, in der er dringend Geld benötigte. Ein paar Stunden Gespräche pro Woche für 500 Euro im Monat schienen ihm eine unkomplizierte Möglichkeit zu sein, die Zeit ohne Arbeit zu überbrücken. Er musste lediglich einige Einzelheiten aus Marks Leben auswendig lernen und sich wie ein Mann verhalten, der nach jahrelanger Abwesenheit endlich zu seiner Mutter zurückkehrte.

Die Frau, die er besuchen sollte, lebte im Pflegeheim St. Josef. Die Mitarbeiter nannten sie Tante Juli, und ihre Verwandten erklärten Nikola, dass sie eine alte Frau sei, die Ruhe brauche und das Gefühl haben müsse, dass ihr Sohn zurückgekehrt sei. Ihrer Darstellung zufolge sollte eine solche Begegnung sie beruhigen und ihr die letzten Lebensjahre erleichtern.
Nikola hatte damals keinen Grund, an ihren Absichten zu zweifeln. Er erhielt einige Informationen, die er sich merken sollte: Mark habe angeblich jahrelang in Österreich gearbeitet, sich wegen seines komplizierten Lebens nur selten gemeldet und wolle nun die Beziehung zu seiner Mutter wieder aufbauen. Seine Aufgabe bestand darin, diese Geschichte glaubwürdig genug erscheinen zu lassen.
Die erste Begegnung war viel seltsamer, als er erwartet hatte
Als Nikola zum ersten Mal die Tür von Zimmer 214 öffnete, rechnete er mit einer heftigen emotionalen Reaktion. Er nahm an, dass Julijana ihn umarmen, weinen oder sofort anfangen würde, Fragen über die Jahre zu stellen, die sie angeblich voneinander getrennt gewesen waren.
Doch es geschah etwas völlig anderes. Die alte Frau betrachtete ihn einfach lange und aufmerksam. Sie wirkte nicht überrascht, sprach seinen Namen nicht aus und reagierte auch nicht so, wie Davor und Sanja ihn darauf vorbereitet hatten.
Nach einigen Augenblicken der Stille bemerkte sie lediglich ruhig, dass er endlich gekommen sei und es ganz schön lange gedauert habe.
Nikola wusste nicht, ob sie ihm glaubte oder lediglich versuchte, das zu akzeptieren, was sie vor sich sah. Bei seinen ersten Besuchen hielt er sich an die Geschichte, die er gelernt hatte. Er erzählte vom Leben im Ausland, von seiner Arbeit und von den Gründen, weshalb er sich jahrelang nicht hatte blicken lassen.
Juli hörte ihm meistens zu, doch gelegentlich stellte sie ihm Fragen, auf die ihn niemand vorbereitet hatte.
„Kaust du immer noch an deinen Fingernägeln?“
— Julijana Kovač
Diese Frage brachte Nikola völlig aus dem Konzept, denn ein solches Detail stand in keiner seiner Notizen. Er gab zu, dass er tatsächlich manchmal an seinen Nägeln kaute, doch Julijana kommentierte seine Antwort nicht weiter. Sie setzte das Gespräch fort, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen.
Mit der Zeit hatte Nikola immer weniger das Gefühl, lediglich zur Arbeit zu kommen. Er begann, sich die kleinen Dinge zu merken, die Juli wichtig waren. Er wusste, welchen Kaffee sie mochte, brachte ihr Kirschstrudel mit, half ihr bei Kreuzworträtseln, die sie wegen ihrer nachlassenden Sehkraft nicht mehr allein lesen konnte, und hörte sich ihre Kommentare über Fernsehmoderatoren an, die sie für viel zu laut hielt.
Ihre Gespräche drehten sich zunehmend weniger um die erfundene Geschichte von Mark. Nikola kam immer häufiger einfach als er selbst, obwohl Juli noch immer nicht offen zeigte, dass sie die Wahrheit kannte.
Gleichzeitig begann er etwas an Davor und Sanja zu bemerken, das ihm Sorgen bereitete. Ihre Besuche im Pflegeheim wirkten nicht wie gewöhnliche Familienbesuche. Häufig brachten sie Dokumente mit, sprachen mit Julijana über Unterschriften und versuchten, sie davon zu überzeugen, bestimmten Entscheidungen zuzustimmen.
Als Nikola Juli einmal fragte, was sie da unterschreibe, antwortete sie, man habe ihr gesagt, es gehe um Rechnungen. Später gelang es ihm jedoch, einen Teil der Dokumente zu sehen. Dabei stellte er fest, dass sich darunter Unterlagen über eine Vollmacht, den Verkauf ihrer Wohnung und die Verfügung über ihr Geld befanden.
EIN ENTSCHEIDENDER MOMENT
Nikola widersetzte sich Davor und Sanja zum ersten Mal offen, als sie von ihm verlangten, Julijana davon zu überzeugen, ihre Wohnung zu verkaufen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er zugestimmt, ihren Sohn zu spielen. Doch er wollte das Vertrauen einer älteren Frau nicht ausnutzen, um sie zu einer Entscheidung über ihr Eigentum zu bewegen.
Ein einziges Wort verriet, dass Juli die ganze Wahrheit kannte
Daraufhin schickte Sanja ihm eine Nachricht, in der sie erklärte, dass Juli den Verkauf ablehne, solange Mark ihr nicht sage, dass es eine gute Entscheidung sei. Nikola begriff, dass von ihm inzwischen wesentlich mehr erwartet wurde als nur ein paar Gespräche pro Woche.
Davor erinnerte ihn daran, dass er schließlich genau dafür bezahlt werde, die ihm zugewiesene Rolle zu spielen. Nikola weigerte sich jedoch. Obwohl er sich ein Jahr zuvor auf den Betrug eingelassen hatte, war ihm inzwischen klar geworden, dass es schwerwiegende Folgen haben könnte, Julijana zum Verkauf ihrer Wohnung zu überreden.
Kurz darauf besuchte er das Pflegeheim außerhalb seiner üblichen Besuchszeit.
An diesem Tag begrüßte Juli ihn weder wie ihren Sohn noch sprach sie ihn mit dem Namen an, den er in seiner Rolle als Mark tragen sollte. Sie sah ihn einfach an und sagte ein einziges Wort.
„Ich weiß.“
— Julijana Kovač
Zunächst verstand Nikola nicht, was sie damit meinte. Dann erklärte Julijana ihm ruhig, dass sie wusste, dass er nicht Mark war – und dass sie es bereits seit ihrer ersten Begegnung gewusst hatte.
Der Grund dafür war unglaublich einfach. Ihr leiblicher Sohn hatte als Teenager bei einem Unfall mit einer Kreissäge die Spitze seines linken kleinen Fingers verloren. Nikola hingegen hatte vollkommen gesunde Finger.
Dieses Detail hatten Davor und Sanja offenbar nicht gekannt oder schlicht übersehen. Julijana dagegen hatte es sofort bemerkt, als Nikola zum ersten Mal ihr Zimmer betreten hatte.
Noch größer war Nikolas Schock, als sie zugab, dass sie auch wusste, dass jemand ihn für seine Besuche bezahlte. Sie hatte ihn nicht entlarvt, weil sie herausfinden wollte, weshalb man ihn geschickt hatte und was die Menschen in ihrem Umfeld vorhatten.
Daraufhin erzählte sie ihm auch die Wahrheit über Mark. Ihr Sohn hatte nicht in Österreich gelebt und war auch nicht einfach irgendwann nicht mehr nach Hause gekommen. Nach Julijanas Angaben war Mark bereits zwölf Jahre zuvor in Kanada an einem Herzinfarkt gestorben.
Die beiden hatten früher schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten gehabt, und ihre Beziehung war jahrelang schlecht gewesen. Vor seinem Tod hatten sie jedoch noch einmal miteinander telefoniert. Julijana wusste deshalb von Anfang an, dass der Mann, den man zu ihr gebracht hatte, unmöglich ihr Sohn sein konnte.
Julijana hatte die Gespräche mit Nikola nicht fortgesetzt, weil sie seiner Geschichte glaubte, sondern weil sie herausfinden wollte, was für ein Mensch er war, sobald er nicht mehr einfach nur das tat, wofür er bezahlt wurde. Mit der Zeit bemerkte sie, dass er begann, auch ihretwegen zu kommen und nicht mehr nur wegen des Geldes.
— Rückblick auf die Beziehung zwischen Julijana und Nikola
Als Nikola sie fragte, weshalb sie ihn nicht sofort hinausgeworfen oder angezeigt hatte, erklärte Julijana ihm, dass sie nicht einfach nur herausfinden wollte, wer er war. Sie wollte beobachten, was die Menschen tun würden, die ihn geschickt hatten, aber auch, wie er sich selbst verhalten würde, sobald ihm klar wurde, dass er in etwas viel Ernsteres hineingeraten war.
Seine Weigerung, sie zum Verkauf ihrer Wohnung zu überreden, hatte ihr offenbar die Antwort gegeben, nach der sie gesucht hatte.
Bevor das Gespräch zu Ende ging, bat sie ihn, ihr eine Sache zu versprechen: Er sollte nicht aufhören, sie zu besuchen, selbst wenn Davor und Sanja ihm sagen würden, dass seine Rolle nicht länger gebraucht werde.
Nikola gab ihr sein Versprechen.
Die letzte Nachricht enthüllte, was Nikola ihr wirklich bedeutet hatte
Einige Wochen später erhielt Nikola eine Nachricht von Davor. Die Vereinbarung sei beendet, hieß es darin. Er müsse nicht länger ins Pflegeheim kommen, und damit würde auch die monatliche Zahlung eingestellt.
Nikola hielt sich dennoch an sein Versprechen gegenüber Julijana. Er ging weiterhin ins Pflegeheim St. Josef, obwohl er für seine Besuche inzwischen keinen Cent mehr erhielt.
Als er dort ankam, war Zimmer 214 leer.
Die Heimleiterin, Frau Babić, trat auf ihn zu und teilte ihm mit, dass Julijana in der vergangenen Nacht friedlich im Schlaf gestorben war.
Nikola blieb vor dem leeren Zimmer stehen und versuchte zu begreifen, dass er eine Frau verloren hatte, der er ein Jahr zuvor als bezahlter Schauspieler begegnet war.
Er war nicht ihr Sohn. Er hatte weder ihren Nachnamen getragen noch seine Kindheit oder Familienerinnerungen mit ihr geteilt. Dennoch hatten sich ihre Besuche innerhalb von zwölf Monaten in etwas verwandelt, das er nicht mehr als bloße Arbeit bezeichnen konnte.
Sieben Tage nach ihrem Tod nahm die Heimleiterin erneut Kontakt zu ihm auf. Julijana, erklärte sie ihm, habe etwas Besonderes für ihn hinterlassen.
Als Nikola ins Pflegeheim zurückkehrte, erhielt er einen Umschlag, den Juli vor ihrem Tod vorbereitet hatte. Er erwartete vielleicht eine Erklärung, Vorwürfe oder eine letzte Frage, die er ihr nicht mehr würde beantworten können.
Doch der Brief enthielt keine Verurteilung.
Julijana schrieb ihm, dass sie von Anfang an gewusst hatte, weshalb er zu ihr gekommen war. Sie wusste, dass er dafür bezahlt worden war und dass ihre Beziehung mit einer Täuschung begonnen hatte. Doch ihren Worten zufolge spielte das irgendwann keine Rolle mehr, als sie bemerkte, dass er aufhörte, nur eine Rolle zu spielen.
In diesen Monaten hatte sie etwas bekommen, das ihr nach eigener Aussage am meisten gefehlt hatte: einen Menschen, der sich neben sie setzte, mit ihr Kaffee trank, ihr zuhörte und wiederkam, weil er mit ihr sprechen wollte – und nicht nur, weil er dazu verpflichtet war.
„Du warst nicht mein Sohn, Nikola. Aber du warst der Mensch, der geblieben ist, als es keinen Grund mehr gab, zu bleiben.“
— Julijana Kovač
In ihrem Brief bat sie ihn, nicht zuzulassen, dass eine einzige falsche Entscheidung ihn sein ganzes Leben lang verfolgen und zu dem einzigen werden würde, woran er sich selbst erinnerte. Die Art, wie sie sich kennengelernt hatten, mochte auf einer Lüge beruht haben, doch alles, was danach entstanden war, musste deshalb nicht ebenfalls eine Lüge sein.
Nikola erfuhr nie, was später aus Davor und Sanja wurde. Er wusste auch nicht, ob sie erneut versucht hatten, über Julijanas Wohnung und ihr Geld zu verfügen. Ebenso wenig fand er heraus, wie lange sie bereits die Wahrheit über Mark gekannt hatten und weshalb sie glaubten, dass die Anstellung eines falschen Sohnes der beste Weg sei, ihre Ziele zu erreichen.
Doch eines wurde ihm erst klar, als er den letzten Brief gelesen hatte.
Ein ganzes Jahr lang hatte er geglaubt, derjenige zu sein, der die Lüge kontrollierte, und dass Julijana die Geschichte glaubte, die er ihr erzählt hatte. In Wirklichkeit war sie es gewesen, die von der ersten Begegnung an viel mehr wusste als er.
Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte mich vermutlich genau diese Erkenntnis am meisten beschäftigt: Die Frau, die er zu täuschen versucht hatte, hatte ihm die ganze Zeit erlaubt zu bleiben, weil sie hinter dem falschen Anfang etwas Echtes erkannt hatte.
Nikola war niemals im wörtlichen Sinne ihr Sohn geworden. Doch er war zu dem Menschen geworden, der nicht ging, als es für ihn keinen finanziellen Grund mehr gab, zu bleiben.


















