Für Marko Kovač sollte der achtzehnte Geburtstag seiner Töchter einer der schönsten Tage seines Lebens werden. Nach Jahren voller Fürsorge, Verzicht und unzähliger gemeinsamer Momente mit Lana und Nika war endlich der Augenblick gekommen, in dem er sie als junge Frauen betrachten konnte, die in einem sicheren Zuhause aufgewachsen waren.
Das Wohnzimmer war mit silbernen Luftballons geschmückt, der Tisch war voller Essen und die Geburtstagstorte wartete darauf, dass die Kerzen ausgeblasen wurden. Wie so oft zuvor hatte Marko mehr vorbereitet, als eigentlich nötig gewesen wäre, weil er stets Angst hatte, seinen Mädchen könnte etwas fehlen.

Doch als die Feier vorbei war und die Gäste gegangen waren, veränderte sich die Atmosphäre völlig. Statt zu lächeln und über die Zukunft zu sprechen, setzten sich Lana und Nika ihm gegenüber. Vor ihnen auf dem Tisch lagen zwei alte, verblasste Stoffstücke.
Marko erkannte sie innerhalb einer Sekunde.
Es waren die Handtücher, in denen er seine Töchter vor achtzehn Jahren gefunden hatte.
Der Gegenstand, der an ihren ersten Tag erinnerte
Das eine Handtuch war einst hellblau gewesen, das andere war weiß und mit dünnen gelben Streifen versehen. Marko hatte sie jahrelang nicht angerührt, aber auch nie daran gedacht, sie wegzuwerfen.
Für ihn waren sie nicht einfach nur alte Stoffstücke. Sie waren die ersten Spuren des Lebens seiner Mädchen, bevor sie Teil seiner Familie geworden waren.
Als er sie nun auf dem Tisch liegen sah, verspürte er sofort ein ungutes Gefühl.
„Woher habt ihr die?“, fragte er.
Lana und Nika gestanden, dass sie die Handtücher in einer Kiste auf dem Dachboden gefunden hatten. Marko hatte sie früher gebeten, diese Kiste nicht anzurühren, weil er darin Dokumente und Erinnerungsstücke aus ihrer Kindheit aufbewahrte.
Doch der Grund, aus dem sie die Kiste geöffnet hatten, war weitaus ernster.
Sie suchten nach Antworten über die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte.
Marko wusste schon lange, dass sie adoptiert waren. Er hatte ihnen die Wahrheit nie verschwiegen, aber er hatte stets darauf geachtet, wie er mit ihnen über die Anfänge ihres Lebens sprach.
Er wusste nicht, wie sie eines Tages reagieren würden, wenn sie ihre leibliche Mutter finden wollten.
EIN WICHTIGER MOMENT
An ihrem achtzehnten Geburtstag entdeckten Lana und Nika, dass die alten Handtücher, in denen sie gefunden worden waren, eine Nachricht verbargen, die alles verändern konnte, was sie jahrelang über ihre Herkunft geglaubt hatten.
Der Tag, an dem Marko zwei Babys fand
Achtzehn Jahre zuvor war Marko einundvierzig Jahre alt gewesen. Er war geschieden, lebte allein und arbeitete als Elektriker. Er hatte keinen Neuanfang geplant und niemals erwartet, dass sich sein Leben auf eine Weise verändern würde, die er sich nicht einmal vorstellen konnte.
An jenem Morgen war er vor der Arbeit zum Strand gegangen. Es war früh, kurz nach sechs Uhr, und das Meer lag vollkommen ruhig vor ihm.
Als er an den alten hölzernen Umkleidekabinen vorbeiging, hörte er ein Geräusch, das ihn stehen bleiben ließ.
Zunächst dachte er, es könnte ein Tier sein.
Doch dann hörte er das Weinen erneut.
Es war der Schrei eines Neugeborenen.
Er öffnete die Tür einer der Kabinen und entdeckte eine Sporttasche. Daneben lagen zwei winzige Babys, die in Handtücher eingewickelt waren.
Eines der Mädchen weinte laut, während das andere beinahe vollkommen still war.
Marko erinnerte sich später daran, dass er noch nie zuvor gleichzeitig so viel Angst und Verantwortung empfunden hatte.
Er wusste nicht, was er tun sollte, aber eines wusste er ganz sicher: Er konnte die beiden nicht zurücklassen.
Er rief den Rettungsdienst und nahm beide Babys auf seine Arme.
Die Ärzte stellten später fest, dass die Mädchen erst wenige Tage alt waren. Sie waren unterkühlt, und eines der beiden hatte Schwierigkeiten beim Atmen.
Die Polizei versuchte, ihre Mutter zu finden. Das Gebiet rund um den Strand wurde durchsucht, Krankenhäuser und Geburtskliniken wurden überprüft und Informationen veröffentlicht. Doch niemand meldete sich.
Es gab keine Nachricht. Keinen Namen. Keine Erklärung.
Nur zwei kleine Mädchen und einen Mann, der beschloss, ihr Leben zu verändern.
Von unbekannten Kindern zu seiner Familie
Am Anfang wusste Marko nicht, ob er überhaupt der Vater von zwei Babys sein konnte. Er hatte eine solche Verantwortung niemals geplant und keinerlei Erfahrung mit kleinen Kindern.
Doch mit jedem Tag wurde ihm klarer, dass er sie nicht mehr aus seinem Leben lassen wollte.
Als eine Sozialarbeiterin ihn fragte, ob er darüber nachdenke, die beiden Mädchen in Pflege zu nehmen, erinnerte sie ihn an etwas Entscheidendes: Seit Wochen rief er jeden Tag an, um sich zu erkundigen, ob es den Babys gut ging.
In diesem Moment erkannte er, dass die Mädchen bereits ein Teil von ihm geworden waren.
Der Adoptionsprozess war nicht einfach. Er dauerte fast zwei Jahre, doch Marko gab nicht auf.
Einige Menschen in seinem Umfeld konnten seine Entscheidung nicht verstehen.
Sein Bruder Davor fragte ihn einmal, warum er zwei Babys großziehen wolle, die doch gar nicht seine eigenen seien.
Doch Marko akzeptierte niemals die Vorstellung, dass die Mädchen „fremd“ seien.
Für ihn waren sie von Anfang an seine Töchter.
„Sie waren für mich nicht fremd. Nicht nach der ersten Umarmung, dem ersten Fieber und all den Nächten, in denen ich neben ihren Kinderbetten saß.“
— Marko Kovač
Als sie volljährig wurden, beschlossen Lana und Nika, nach Antworten zu suchen. Sie taten es nicht, weil sie Marko misstrauten, sondern weil sie den Anfang ihrer eigenen Geschichte verstehen wollten.
Während ihrer Suche fanden sie etwas, womit niemand gerechnet hatte.
In den Saum des weißen Handtuchs war ein kleines Stück laminiertes Papier eingenäht.
Darauf standen der Name ihrer leiblichen Mutter und einige Worte, die ein völlig neues Rätsel eröffneten:
IVANA RADIĆ
ZWILLINGE
KLINIK ST. LUKAS
GLAUBT DR. B. NICHT
Marko konnte nicht glauben, was er vor sich sah.
Seine Töchter erzählten ihm daraufhin, dass sie Ivana Radić, die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte, gefunden hatten.
Nach ihren Aussagen hatte sie ihre Babys niemals verlassen. Sie behauptete, man habe ihr nach der Geburt mitgeteilt, dass die Mädchen nicht überlebt hätten.
Sie hatte ihre Körper niemals gesehen.
Sie hatte niemals die Möglichkeit bekommen, sich von ihnen zu verabschieden.
Nun tauchte auch der Name Dr. Branko Barišić auf, eines angesehenen Arztes, der in der Klinik St. Lukas gearbeitet hatte.
Die Nachricht aus dem Handtuch bekam plötzlich eine völlig neue Bedeutung.
Marko erkannte, dass die Suche seiner Töchter möglicherweise nicht nur eine Suche nach ihrer leiblichen Mutter war, sondern der Versuch, eine Wahrheit aufzudecken, die fast zwei Jahrzehnte lang verborgen geblieben war.
Während Lana und Nika ihre Nachforschungen über die Vergangenheit fortsetzten, tauchten immer neue Fragen zu den Ereignissen aus der Zeit auf, als sie noch Babys gewesen waren.
Und für Marko gab es nur eine Sache, die wirklich zählte:
Ganz gleich, welche Wahrheit ans Licht kommen würde – er würde immer ihr Vater bleiben.


















