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Jahrelang glaubte sie, der ungewöhnliche Spitzname sei lediglich Teil harmloser Insiderwitze im Freundeskreis ihres Mannes. Erst bei einem Geburtstagsessen und nach einer scheinbar beiläufigen Frage einer anderen Frau erfuhr sie, dass der Ausdruck, den sie seit Jahren hörte, aus einer abwertenden Bemerkung stammte, die ihr Mann ganz am Anfang ihrer Beziehung gemacht hatte.

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Spitznamen unter langjährigen Freunden entstehen oft aus zufälligen Situationen, deren Bedeutung später nur noch die Mitglieder der jeweiligen Gruppe kennen. Genau so erklärte sich diese Frau jahrelang das Wort „Butter“, mit dem die Freunde ihres Mannes sie beinahe jedes Mal ansprachen, wenn sie zusammenkamen. Besonders mochte sie den Namen nicht, doch sie hatte keinen Grund anzunehmen, dass etwas Ernsthaftes dahintersteckte.

Zum ersten Mal hörte sie ihn noch vor ihrer Hochzeit. Sie war zu einem Grillabend eingeladen worden, bei dem die Freunde ihres damaligen Partners anwesend waren. Einer von ihnen kündigte ihre Ankunft lautstark an. Die ganze Runde begann zu lachen, während sie sich instinktiv nach hinten umdrehte, weil sie dachte, der Witz beziehe sich auf jemand anderen.

„Butter ist da!“

— ein Freund ihres Mannes

Ihre Verwirrung hielt nicht lange an. Sie fragte ihren Partner, warum die anderen sie so nannten. Seine Erklärung klang damals völlig überzeugend. Seine Freunde kannten sich noch aus der Studienzeit, hatten unzählige Spitznamen, alte Witze und Geschichten, deren Ursprung für neue Mitglieder der Gruppe oft nicht nachvollziehbar war.

Deshalb hakte sie nicht weiter nach. Mit der Zeit wurde das Wort so selbstverständlich, dass die Menschen es beinahe wie ihren zweiten Namen verwendeten. Sie hörte, wie jemand ihr einen Platz freihielt, ihr etwas zu trinken anbot oder fragte, ob sie beim nächsten Treffen dabei sein würde – und fast immer fiel dabei derselbe Spitzname. Später übernahmen sogar die Ehefrauen und Partnerinnen der Männer den Namen.

Eine Frage am Tisch veränderte plötzlich die Stimmung

Die Jahre vergingen, ohne dass sie jemals die wahre Erklärung erfuhr. Gelegentlich nannte sogar ihr eigener Mann sie „Butter“. Das bestärkte sie in ihrem Glauben, dass es sich lediglich um einen harmlosen Insiderwitz handelte, bei dem sie selbst längst dazugehört hatte.

Alles änderte sich während Ryans Geburtstagsessen.

Das Gespräch kam an diesem Abend ganz selbstverständlich auf alte Spitznamen in der Gruppe. Einer nach dem anderen erzählte, wie er zu dem Namen gekommen war, der ihn teilweise schon seit der Studienzeit begleitete. Die Runde lachte ununterbrochen, bis Ryans Frau auf sie zeigte und eine Frage stellte, die offenbar völlig harmlos gemeint war.

„Und was ist mit Butter?“

— Ryans Ehefrau

Die Reaktion der anderen genügte, damit sie sofort merkte, dass etwas nicht stimmte. Das Lachen verstummte beinahe augenblicklich. Ihr Mann senkte den Blick, während die anderen am Tisch plötzlich sichtbar unbehaglich wurden. Was jahrelang wie ein gewöhnlicher Insiderwitz behandelt worden war, wurde innerhalb weniger Sekunden zu einem Thema, über das niemand sprechen wollte.

Sie versuchte, die Situation mit einem Lachen zu überspielen, und fragte erneut nach der Bedeutung. Ihr Mann sagte ihr, die Geschichte sei dumm und sie solle es einfach gut sein lassen. Doch genau seine Reaktion verstärkte ihren Verdacht.

Als sie Ryan ansah, antwortete dieser lediglich, es sei etwas zwischen ihr und ihrem Mann.

Ben, ein weiterer Freund aus der Gruppe, wirkte besonders unwohl. Nach kurzem Zögern sagte er schließlich einen Satz, aus dem deutlich wurde, dass ihr Mann schon seit langer Zeit etwas wusste, das sie längst hätte erfahren müssen.

„Er hätte dir das schon vor langer Zeit erzählen sollen.“

Ihr Mann stand auf und versuchte, das Gespräch mit der Bemerkung zu beenden, dass sie gehen würden. Doch sie blieb sitzen. Nach all den Jahren, in denen sie die einzige Person am Tisch gewesen war, die den Witz über sich selbst nicht verstanden hatte, wollte sie nicht gehen, bevor sie eine Antwort bekam.

Der Spitzname entstand, bevor sie seine Freunde überhaupt kannte

Ben erklärte schließlich, dass alles aus der Zeit stammte, in der sie und ihr späterer Mann gerade erst miteinander ausgingen. Damals hatte er seinen Freunden ein Foto von ihr gezeigt. Einer der Männer bemerkte, dass sie hübsch sei. Ihr Partner antwortete darauf mit einem Scherz – offenbar in dem Versuch, vor seinen Freunden zu verbergen, wie sehr sie ihm tatsächlich gefiel.

Während Ben erzählte, versuchte ihr Mann immer wieder, ihn zum Schweigen zu bringen. Er schlug mit der Hand auf den Tisch und forderte ihn auf, nicht weiterzureden. Doch es war bereits zu spät.

Für die Frau, die jahrelang denselben Spitznamen gehört hatte, war es nicht länger ausreichend, dass jemand behauptete, es handle sich lediglich um einen dummen Witz aus der Vergangenheit.

„Er zeigte uns dein Foto, und jemand sagte, dass du hübsch bist.“

— Ben

Was danach kam, war weitaus schmerzhafter.

Nach Bens Aussage hatte ihr Mann damals gesagt: „Sie ist eher ein Butterface.“

Als sie fragte, was dieser Ausdruck bedeute, wollte zunächst niemand am Tisch antworten. Schließlich verstand sie selbst, dass es sich um ein abwertendes englisches Wortspiel handelt, mit dem eine Frau verspottet wird, deren Körper als attraktiv angesehen wird, deren Gesicht man jedoch angeblich nicht attraktiv findet.

Aus dem englischen Begriff „butterface“ entwickelte die Gruppe später den Spitznamen „Butter“.

Damit bekam der Name, den sie jahrelang gehört und für ein Zeichen der Zugehörigkeit zum Freundeskreis ihres Mannes gehalten hatte, plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Er ging ursprünglich auf einen Kommentar über ihr Aussehen zurück.

Das eigentliche Problem war für sie jedoch längst nicht mehr nur dieser eine unreife Satz, den ihr Mann am Anfang ihrer Beziehung gesagt hatte.

Ihr Mann erklärte, dass seine Freunde ihn damals aufgezogen hätten, weil offensichtlich gewesen sei, dass er sich in sie verliebt hatte. Anstatt zuzugeben, wie sehr er sie mochte, wollte er vor seinen Freunden möglichst gleichgültig wirken. Also machte er einen abwertenden Witz – und brachte damit die ganze Runde zum Lachen.

HINTERGRUND DES VORFALLS

Nach seiner Erklärung entstand die ursprüngliche Bemerkung in der frühen Phase ihrer Beziehung. Einige Monate später begann jemand aus dem Freundeskreis, sie „Butter“ zu nennen. Der Spitzname blieb und wurde über die Jahre immer selbstverständlicher.

Sie selbst erfuhr erst beim Geburtstagsessen von Ryan, woher er tatsächlich stammte.

Die jahrelange Geheimhaltung schmerzte mehr als der ursprüngliche Witz

Als sie die ganze Geschichte verstanden hatte, sah sie ihren Mann direkt an und fragte ihn, ob er sie damals als hässlich bezeichnet habe.

Er bestritt dies und versuchte zu erklären, dass es sich lediglich um einen dummen Scherz gehandelt habe. Doch als sie ihn fragte, was genau daran lustig gewesen sei, fand er keine Antwort, die ihre Sicht auf die vergangenen Jahre hätte verändern können.

Für sie lag der entscheidende Unterschied zwischen einem unüberlegten Satz aus einer Zeit, in der ihre Beziehung gerade erst begonnen hatte, und allem, was danach passiert war.

Eine einzelne Beleidigung konnte das Ergebnis von Unreife sein. Doch der Spitzname war nicht nach wenigen Tagen verschwunden. Er blieb monatelang, dann jahrelang bestehen. Er überlebte sogar ihre Hochzeit und wurde irgendwann so selbstverständlich, dass ihn auch Menschen benutzten, die bei der ursprünglichen Situation überhaupt nicht dabei gewesen waren.

Am meisten traf sie die Tatsache, dass ihr Mann die ganze Zeit die Möglichkeit gehabt hatte, den Witz zu beenden.

Er hätte eingreifen können, als der Spitzname zum ersten Mal in ihrer Gegenwart ausgesprochen wurde. Er hätte ihn nach ihrer Hochzeit stoppen können. Er hätte etwas sagen können, als die Ehefrauen seiner Freunde begannen, sie ebenfalls so zu nennen. Und er hätte ihr jederzeit erklären können, was das Wort tatsächlich bedeutete.

„Du hättest das stoppen können.“

— seine Ehefrau

Darauf antwortete er nur kurz:

„Ich weiß.“

Dasselbe sagte er, als sie ihn daran erinnerte, dass er die Sache bereits vor ihrer Hochzeit hätte beenden können. Und wieder, als sie ihm vorhielt, dass er spätestens in dem Moment hätte eingreifen müssen, als auch die Frauen aus dem Freundeskreis den Spitznamen übernahmen.

Genau an diesem Punkt veränderte sich für sie die gesamte Bedeutung der Geschichte.

Sie dachte nicht mehr nur darüber nach, was ihr Mann seinen Freunden erzählt hatte, als er unbedingt so wirken wollte, als wäre er nicht besonders an ihr interessiert. Sie dachte an all die späteren Situationen, in denen die Menschen um sie herum die Wahrheit über den Spitznamen kannten, darüber lachten oder ihn einfach weiter verwendeten, während sie selbst glaubte, Teil eines harmlosen gemeinsamen Witzes zu sein.

Was bisher wie ein Zeichen dafür gewirkt hatte, dass sie von den Freunden ihres Mannes akzeptiert worden war, hatte plötzlich die genau entgegengesetzte Bedeutung.

Jede Bemerkung wie „Hebt einen Platz für Butter frei“ oder „Fragt Butter, ob sie Samstag kommt“ erinnerte sie nun daran, dass die anderen über eine Information verfügten, die ausgerechnet ihr selbst vorenthalten worden war.

DAS GRÖSSERE PROBLEM

Die Geschichte drehte sich für sie längst nicht mehr nur um die Frage, ob sich eine alte Beleidigung als unreifer Scherz rechtfertigen ließ.

Viel wichtiger wurde die Frage des Vertrauens: Warum hatte ihr Mann ihr jahrelang nicht erklärt, woher der Spitzname stammte? Und warum hatte er zugelassen, dass dieser Ausdruck immer wieder verwendet wurde – sogar noch lange nachdem aus ihrer Beziehung eine Ehe geworden war?

Seine Erklärung, dass alles mit seinem Versuch begonnen hatte, vor seinen Freunden zu verbergen, wie verliebt er gewesen war, konnte vielleicht erklären, warum er diesen einen Kommentar gemacht hatte.

Sie konnte jedoch nicht erklären, warum danach so viele Jahre vergangen waren, ohne dass er die Sache richtigstellte.

Genau dieser Unterschied wurde für sie wichtiger als das Wort „Butterface“ selbst.

Bis zu diesem Abend hatte sie geglaubt, ihren Platz in diesem Freundeskreis zu kennen. Nach wenigen Minuten an Ryans Geburtstagstisch erkannte sie, dass es eine ganze Geschichte über sie gegeben hatte, die alle anderen kannten – während ausgerechnet der Mann, dem sie am meisten vertraute, sich entschieden hatte, sie ihr nicht zu erzählen.

Der ursprüngliche Witz hatte vielleicht nur wenige Sekunden gedauert.

Seine Folgen jedoch begleiteten sie jahrelang.

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